Wenn Gedanken zu Bildern werden  – Einblicke in die Drehbuchentwicklung

Filme schaue ich mir gerne und oft an. Wie jeder andere habe ich meine Lieblingsstreifen, gehe ins Kino oder sehe mir im Netz Trailer von den neuesten Hollywoodblockbustern an. Doch aus der Rolle des Zuschauers bin ich nie rausgebrochen. Kurzfilme, Videos und ja, ihre Drehbücher! Wie wird das alles eigentlich entwickelt, wie wandeln sich Ideen im Kopf zu bewegten Bildern auf die Monitore anderer Menschen? Ich habe es kennengelernt. In meiner ersten Praktikums-Woche bei Kerstin von tausend³.

von Büsra Delikaya (20)

Vier Themen, vier Filme, viele Ideen

Meine erste Arbeit mit Drehbüchern wurde von einem Bundesministerium in Auftrag gegeben. Es sollen Filme über die Jugendthemen Selbstgefährdung, Cybermobbing, Sexuelle Belästigung (Sexting) und Gewalt im Netz sein. Dabei werden teilweise sehr konkrete Anforderungen gestellt: die Filme sollen die Jugendlichen nicht nur auf eine informative, sondern auch recht emotionale Weise in die entsprechenden Themen einführen. Ich merke schnell: Eine Aufgabe, die neben der Kreativität auch sehr viel Feingefühl und Fantasie erfordert.

film-102681_1280Der Auftakt: Thema abstecken

Das Thema Cybermobbing gingen wir zuallererst an. Ein Problem, das angesichts der in den letzten Jahren rapid angestiegenen Medienpräsenz- und kompetenz in jugendlichen Reihen von immens großer Bedeutung ist. Nicht selten fallen Jugendliche mit herkömmlichen Interessen, völlig durchschnittlicher Lebensweise und intakten Sozialstrukturen in die Spirale der Demütigung im Worl Wide Web. Mäuse und Tastaturen fungieren als Waffen gegen Mitschüler, der Raum zwischen Facebook-Likes und Instagram-Followern wandeln sich zur Plattform für die Bildung von Antipathien. Machtkämpfe und Zickenkriege wechseln den Ort – das Klassenzimmer reicht nicht mehr aus. Doch wie kann man Jugendlichen, die mit solch erniedrigenden Virtuellattacken kämpfen müssen, helfen? Und vor allem: Wie packt man diese Hilfe mit all ihren Aussagen und Facetten in einen dreiminütigen Film? Hier wurde mir die Richtigkeit der ständig durchgeleierten „Recherche ist alles Leute!“ Abmahnungen meiner Lehrer deutlich vor Augen geführt.

11066562_848800788513762_8425886474252380713_nRecherche – das A und O

Intensives Recherchieren ist die Basis für eine erfolgreiche Drehbuchentwicklung. Je mehr Ergebnisse du durch das lange Stöbern im Netz produzierst, desto mehr Materialien und Vorwissen hast du und bist so bestens für das Stürzen in mentale Skizzierungen und kreative Geschichten gewappnet. Also tippte und suchte ich. Wonach ist dabei nicht mal sonderlich wichtig. Es gilt das Angebot der Videos bezüglich des zu behandelnden Themas genaustens zu durchforsten. Was für Videos gibt es zu diesem Thema bereits und wie sind diese gemacht? Wichtig hierbei sind besonders die Gemeinsamkeiten und Parallelen der Clips. Das Erkennen von analogen Elementen und ähnlichen Inhalten führt zur Entstehung von Ideen, die es so noch nicht gibt. Ein Video muss fesseln, aber genauso gut bereichern. Aus Alt macht nicht immer Neu, aus Neu macht manchmal Einzigartig.

Auf die Emotionen, fertig, los!

Das Fesseln des Zuschauers ist in erster Linie mit dem unmittelbaren Ansprechen seiner Emotionen zu schaffen. Neben der Gedankenwelt sollte auch die Gefühlswelt dieser geweckt, ja am Besten gerüttelt werden. Denn ein gutes Video kann auch in wenigen Sequenzen viele Gefühle herauskitzeln. Der Mensch hinter dem Bildschirm sollte mehr als starren, er sollte sehen. Nicht bloß die offensichtlichen Handlungen, sondern auch die versteckten Messages, die diese vermitteln möchten. Und die dadurch zu entstehenden Gedankengänge und Grübeleien. Cybermobbing ist ein heikles Thema, dies war mir in jedem Fall bewusst. Doch so gut wie alle Videos über dieses Thema waren mit extrem tragischer Musik untermalt, Täter kamen und mobbten. Opfer gingen und weinten. Und das Ende war mit sentimentalen Flüstereinheiten des Opfers, es wolle nicht mehr leben, denn alles sei so schrecklich, ausgeschmückt.

Den Blick fürs Wesentliche schulen

Normalerweise hätte ich mir die Clips und Kurzfilme angeschaut, Mitleid mit dem darstellenden Opfer gehabt, als Reaktion höchstens ein trauriges Kopfschütteln gebracht und dem Video für die Mühe der Schauspieler ein Like gegeben. Doch diesmal, als Praktikantin inmitten der Kunst einer Drehbuchentwicklung, versuchte ich meine Aufmerksamkeit den Filmelementen zu geben. Mein Blick fixierte sich nicht mehr vordergründig nur auf das Ambiente, die Schauspieler, den Inhalt des Videos. Vielmehr lag mein Fokus nun auf dem Wie der ganzen Sache. Wieso wurde ausgerechnet diese Musik gewählt, wann wurde sie eingesetzt und wie lagen die Opfer-Täterrollen im Zusammenspiel zueiander? Alles Fragen, die es zu beantworten galt.

Das große Toben des Kreativitätssturms10941868_848800708513770_7692067257140706315_n

Stichpunkte wurden kurz und abgehackt hinter Bulletpunkte gesetzt und mit gekrakelter Schrift Lücken, die ich während des zweistündigen Dauerwatchings der Filme bemerkte, notiert. Jetzt war das offene Brainstorming an der Reihe. Was es noch nicht gibt, muss erst einmal entstehen. Unser Gehirn brodelte und seine Zellen erschufen nach ziemlich kurzer Zeit verschiedenste Ideen und Handlungen. Durch dieses Brainstorming kann man sich wunderbar gegenseitig ergänzen. Ideen, die Einer hat, kann durch den Anderen ausgeweitet werden. Mehrere Köpfe denken besser als eins. Und: Spontanes und plötzliches Sprudeln der Gedanken ist um einiges effektiver als stilles Überlegen und anschließend sorgfältiges Notieren. Kreativität ist ein freies Geschöpf, so muss es auch auf freie Weise produziert werden.

Bunte Bilder aufs Papier bringen

Nun werden all die Ideen, die man während des Brainstormings hegen konnte, abgetippt. Das war der Teil, der mir persönlich die allergrößte Freude bereitete. Reines Weiß strahlte mir auf dem Laptopmonitor entgegen und war bereit die Bilder, die wir im Kopf zeichneten, zu empfangen. Ich schrieb also los, mein erstes eigenes Drehbuch. Eine Aufgabe, die währenddessen viel leichter fiel, als von vornherein angenommen und erwartet. Die bereits entstandenen Bilder schwebten in meinem Kopf umher und warteten nur noch darauf in strukturierte und klare Sätze gebündelt zu werden. Es war mehr Spaß als Arbeit.

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Kreativität im Team: Büsra Delikaya (1.v.r.) mit Kerstin Müller (2.v.r.) von tausend³ im Drehbuchworkshop mit Kameramann Stefan Preuhs, Carlotta Berger, Patricia Neumann, Celine Kempen und Motion-Designer Stephan Wiendahl

Das erste Drehbuch: Fertig √

Um die Basis des Videos endgültig zum gebührenden Glanz zu bringen, wird nach nur einer Woche mit der Fertigstellung des Drehbuchs begonnen. Die zu Ende entwickelten Konzeptideen werden in tabellarischer Form zusammengefasst. Die einzelnen Szenenbilder, der Inhalt dieser und die einkalkulierte Zeitdauer werden sorgfältig in diese Tabelle geschrieben. Wenn dann auch diese formelle Hürde voller Elan übersprungen wird, ist das Drehbuch fertig und die Drehbuchentwicklung eines Videos vollendet. Eine Erfahrung, die man so intensiv und hautnah nur in der Praxis gewinnen kann. Filme sind mehr als 120minütige Handlungsstränge auf spielender Leinwand. Das weiß ich jetzt.

Für alle, die auch mal ein Drehbuch entwerfen möchten, hier die 6 Schritte, wie man es angeht!

Handout_Drehbuchentwicklung (PDF, Lizenz: CC (Namensnennung, Weitergeben unter gleichen Bedingungen)

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